12. Dezember: Mein letzter Eintrag

Wenn es um den Still geht war „Es wird etwas geschehen“ von Heinrich Böll mein Lieblingstext des Semesters. Wie ich schon in einem Eintrag geschrieben habe, gefällt mir am besten die Weise, auf der Böll die wichtigen Figuren der Geschichte umschreibt. Sein Stil hat etwas selbstverständliches, aber die Bilder die er schafft sind völlig surreal. Wenn es um die eigentliche Erzählung geht (von Beginn bis Ende), war Andorra mir am liebsten. Für so ein kurzes Stück finde ich es unglaublich, wie Frisch einen Charakter wie Andri und dessen Entwicklung darstellt.

Es gab keine Geschichten, die mir nicht gefallen haben. Wenn ich unbedingt wählen sollte, würde ich sagen, dass nur wegen dem Still, „Der Augsburger Kreidekreis“ mir vielleicht weniger fesseln konnte als zum Beispiel „Andorra“ oder „die Verwandlung“. Dazu muss ich aber sagen, dass „der Augsburger Kreidekreis“, unabhängig von dem Still, ein sehr guter erster Text war. Nicht zu schwierig und eine gute Einleitung zum Kurs.

Von Heinrich Böll, Max Frisch und Irmgard Keun möchte ich sicherlich noch mehr lesen. Böll weil sein Humor mir so gut gefällt. Frisch weil ich Andorra nach dem Aufsatz noch zwei Mal in der U-Bahn gelesen habe. Keun weil ich mich sehr für ihre Ideen in Beziehung zu ihrer Zeit interessiere.

Meine Deutschkenntnisse haben sich bestimmt verbessert. Mein Lesen und Hören waren schon fast optimal. Mein Schreiben hat sich verbessert weil Sie mir mit ihren Kommentaren dazu gezwungen haben, meine Aufsätze auf akademischem Niveau zu verbessern. Es war gelegentlich schwierig, nicht die Hoffnung auf einen wirklich guten Aufsatz zu verlieren. Oft passiert es, dass mein Deutsch nicht ganz reicht und ich nicht genau das ausdrücken kann, was ich ausdrücken möchte. Diese Diskrepanz ist frustrierend, aber es hat mein Schreiben verbessert. Am meisten freut es mir, dass meine Literaturkenntnisse gewachsen sind.  Ich habe jetzt endlich etwas von Böll und Frisch gelesen, wollte ich schon so lange.

Das wichtigste, das ich in diesem Kurs gelernt habe ist, dass man wenn möglich über das Gelesene reden soll. Die Besprechung der Geschichten in einer Gruppe war in allen Fällen ebenso wichtig als das Lesen. Manchmal selbst wichtiger. Oft entwickelten sich während der Gruppendiskussion meine Ideen weiter. Manchmal machte ich nach diesen Gesprächen neue Notizen. Ich brauche jetzt also einen Buchclub!

Advertisements

28. November: In Vorbereitung auf die Improvisation

In Vorbereitung auf unsere Improvisation, schaue ich heute auf die Hauptfiguren der Verwandlung. Wir haben uns am Montag schon darauf geeinigt, dass die Familie Samsa sehr konkurrenzfähig ist. Aber wenn wir (Julia, Diana und ich) die unterschiedlichen Personen spielen müssen, gibt es mehreren Sachen, auf den wir, meiner Meinung nach, achten sollten.

Gregors Mutter stellt die Mutterliebe da. Gleichzeitig aber auch die Hilflosigkeit und die Untergebenheit. Obwohl sie nicht fortlaufend emotional ist, nähert sie sich einer kritischen Grenze. Oft gibt es ein bestimmtes Moment, worauf sie alles nicht mehr verkraften kann. Sie bricht augenscheinlich plötzlich und voller Hingabe.

Gregors Vater repräsentiert die Aggression. Der Mann ist eigennützig und erweist sich als sehr brisant. Er hat die Gabe, aus dem Nichts aufzutauchen und zielbewusst die vorliegende Situation mit Zorn zu „lösen“. Diese Aggression scheint oft berechnet und mit Vorbedacht zu handeln.

Gregors Schwester ist ein Opportunist. Sie erweist sich ebenfalls auch als berechnet, dazu ist sie auch noch sehr raffiniert. Für Gregor ist sie eine große Hilfe, weil sie für ihn sorgt. Für die Mutter ist sie eine große Hilfe, weil sie für Gregor sorgt und ihr die Sorgen übernimmt. Für den Vater ist sie eine große Hilfe, weil sie kaum genug für Gregor sorgt und irgendwie immer die Voraussetzungen bestätigt. Es ist gerade als ob sie genau weiß, was sie macht. Als ob sie schon alles geplant hat. Sie macht sich selbst unentbehrlich. 

21. November: Das humoristische der Tragödie

Im Bezug auf meinen letzten Kommentar möchte ich heute etwas über die tragische beziehungsweise humoristische Interpretation Kafkas „Verwandlung“ schreiben. Unterschiedliche Aspekte des Texts führen zu unterschiedliche Auslegungen. Oft ist meine erste Reaktion, zu lachen. Wenn ich aber weiter oder tiefer lese, ist der Kern der Sache oft ganz traurig.

Nimm zum Beispiel die Entpersönlichung worüber wir in der letzten Klasse gesprochen haben. Sie etwas naives; etwas gezwungenes, selbst etwas übertriebenes.

Ich schaue mir mal Seite 26 an:

„… dass er sich vorläufig ruhig verhalten und durch Geduld und größte Rücksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich machen müsse, die er ihr in seinem gegenwärtigen Zustand nun einmal zu verursachen gezwungen war.“

Geduld und Rücksichtnahme hören sich komisch an, weil er zum ersten zu Geduld gezwungen worden ist (er ist schließlich eingeschlossen) und die Rücksicht kann er offensichtlich in seiner derzeitigen Eigenschaft nicht von seiner Familie zurückerwarten. Es ist humoristisch weil Gregor in seinem Kopf eine gegenübergestellte Wirklichkeit kreiert, die mir irgendwie als lächerlich vorkommt. Die tiefere Bedeutung von Gregor Bewältigungsmechanismus ist tragisch, weil es sich deutlich um den Verfall der Hauptfigur handelt. Die schwersten Unannehmlichkeiten von Gregor erlebt und nicht von der Familie. Auch steht es nicht fest, dass man als Ungeziefer gezwungen ist Unannehmlichkeiten zu verursachen! Sehen Sie? jetzt rede ich fast ebenso komisch wie Kafka….

Auf Seite 27 gibt es noch ein Beispiel:

„… und drehte sogar den Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, dass er es sich so behaglich machen dürfe, wie er wolle.“

Hier redet er von der Tatsache, dass seine Schwester immer rasch die Tür abschließt, nachdem sie ihm das Essen gebracht hat. Wir wissen schon, dass sie das macht weil sie Angst vor Gregor hat. Behaglich gibt es in seiner Situation überhaupt nicht und seinen freien Willen hat er bei der Verwandlung insgesamt verloren. Obschon ich lachte als ich diesen Satz gelesen habe, geht es auch hier um die emotionelle und physische Vernachlässigung Gregors. Er wird vermieden und alleine gelassen. Auch wieder tragisch, denn es trägt unbedingt zu seinem Untergang bei.

Ich gewöhne mich daran, den Text auf zwei Ebenen zu lesen. Letzte Woche fiel mir das noch schwer, aber jetzt geht’s schon viel besser. Langsam komme ich zu der Verständnis was genau Kafka mit dem Text vorhat. Vielleicht hat jede Tragödie eine komische Seite. Oder vielleicht steckt in dem Humor immer etwas tragisches.

14. November: Kafka & die Absurdität

Als wir diese Woche mit „Die Verwandlung“ anfingen, haben Sie uns gefragt woran wir denken, wenn wir den Name Kafkas hören. Obwohl wir vieles vorbrachten, fehlte das Wort „Absurdität“. Dieses ist aber ganz wichtig, schon beim Lesen der ersten sieben Seiten. Glücklicherweise haben wir am Montag etwas Zeit auf der Absurdität Kafkas Geschichte verwendet. Ich möchte aber ein wenig tiefer auf das Thema eingehen.

Die Geschichte fängt an mit der Mitteilung, dass Gregor Samsa in einem Ungeziefer verwandelt ist. Die Absurdität der Situation wird erst mal dem Leser vorgelegt; Samsa selbst ist sich den Umfang seiner neuen Lage (noch) nicht bewusst. Hier fällt mir auf, dass Kafka nicht nur eine absurde Form für die Hauptfigur wählt, sondern auch, dass sich die Wirklichkeit der Hauptfigur erst mal völlig entzieht: Etwas, das mir als höchst unwahrscheinlich vorkommt.

Die Absurdität zeigt sich auch in dem Verlauf der Zeit. Nicht so sehr die Zeit auf der Weckuhr verläuft ungewöhnlich, sonders Samsas Zeitwahrnehmung ist irgendwie schief. Wir lernen ihn kennen als ordentlicher und zuverlässiger Mensch (nie krank, immer pünktlich). In seiner neuen Lage aber scheint er, trotz seiner Versuch zur Ruhe (S10 Z16), keine Kontrolle mehr über die Zeit zu haben. Ein Teil dieses absurden Zeitproblems ist bestimmt seine Unfähigkeit zum normalen Bewegen.

Die Unfähigkeit aber wird von Samsa missdeutet. Er versucht sein nichtmenschliches Problem mit menschlicher Herangehensweise aufzulösen, was sein Unvermögen und die Absurdität nur vergrößert.

Wenn er sich endlich aus Bett schaukelt, fällt er auf den Teppich. Obwohl wir die Größe des Ungeziefers nicht kennen, scheint es mir merkwürdig, dass der Prokurist vor der Tür Samsas Fall auf dem Teppich hören könnte. Seine Stimme reicht nicht; der Sturz doch. Auch hier spielt die Absurdität eine Rolle.

Ich frage mich wie Kafka die geschichtete Absurdität entweder abbauen oder erhalten wird, weil sie mir jetzt ein bisschen zu kompliziert ist.

7. November: Drei Hauptthemen

Meiner Auffassung nach hat „Andorra“ drei Hauptthemen. In zufälliger Reihenfolge:

Erstens handelt sich die Erzählung um die Bedeutung der Identität innerhalb der Gesellschaft. Zweitens geht sie über Schuld, Unschuld und gemeinschaftliche Verantwortlichkeit. Drittens ist diese eine Geschichte über die Judenverfolgung. Die drei Hauptthemen sind aber auf komplizierter Weise mit einander verbunden.

Die systematische Verleumdung von Andri führt zu zwei wichtigen Ergebnissen. Sie kreiert eine Atmosphäre, in der es den Andorraner gestattet ist, ihre Fremdenfeindlichkeit freien Lauf zu lassen. Auch stellt die Verunglimpfung Andris Rufes und schließlich seiner ganzen Identität ihn außerhalb der Gesellschaft. Diese sind die Vorbedingungen zum schaffen eines Sündenbockes damit die Gesellschaft unbesudelt bleiben kann. So funktionieren sie am Ende auch als Voraussetzung für die Judenverfolgung.

Dass die Identität in allgemeinem eine große Rolle spielt, erweist sich, wenn man sich die Figuren der Geschichte einen nach dem anderen ansieht.  Jeder bringt durchgehend eine einfach erkennbare Stimme oder einen deutlichen Charakterzug ein. Als Leser kann man die Personen ohne Mühe auseinanderhalten. Gleichzeitig scheint ihre gesellschaftliche Identität („der Andorraner“) wichtiger als ihre individuelle.

Mit den Vordergrundsbildern und den Aussagen des Jemandes verschiebt Frisch den Fokus auf die Frage von Schuld versus Unschuld und wie die von der ganzen Gesellschaft vermieden wird.

31. OKTOBER: ZU DEM KURS

Dieses Mal schreibe ich gern etwas zu dem Kurs im allgemeinen und der Gruppenarbeit, weil ich mich dazu noch nicht geäußert habe.

Wir sprachen letzte Woche kurz über die etwas bedrückenden Themen und wie es denn möglich ist, dass diese uns doch spaß machen können. Die wachsende Beherrschung einer Sprache macht, glaube ich, immer spaß. Wenn man dazu noch die Chance hat, sich adäquat in ein bestimmtes Thema zu vertiefen, ist das Resultat eine sehr positive Erfahrung.

Die ganze Auswahl der Geschichten in diesem Kurs eignet sich sehr gut zu dem übergreifenden Zweck: ein besseres Verständnis der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu bilden. Es gibt kaum kontextbezogene Wiederholungen und für alle Texte gilt, dass man aktiv nach die wichtige Information suchen muss. Die geforderte Anstrengung macht die Beherrschung möglich und das ist ganz befriedigend.

Das Lesen der Texte beträgt nur ein kleines Teil meines Aufwands. Die Verständlichkeit ist auf der ganzen Linie kein Problem. Die Verarbeitung der Geschichten ist, wie ich schon erklärt habe, ziemlich zeitraubend, aber ich tue es gern.

Die Blogeinträge fordern viel Zeit, aber ich weiß aus Erfahrung (digication), dass der Aufwand sich lohnt. Die fortlaufende Überlegung fördert wirklich die Lernerfahrung.

Die Gruppenarbeit, mit John und Hanna-Lisa finde ich sehr schön. Meiner Meinung nach, tragen wir in gleichem Maße zu der Diskussion bei. Es wird nie mal still. Oft reden wir über Sachen, die sich aus Ihren Fragen ergeben. Ich bin in der Annahme, dass es in unserer Gruppe keinen gibt, der die Zusammenarbeit nicht gern hat.

Abschließend kann ich noch sagen, dass ihre Begeisterung ganz ansteckend ist und die Arbeit zu einem Vergnügen macht. Nicht oft trifft man eine Professorin, von der man weiß, dass sie sich ebensoviel Mühe gibt als sie von den Studenten zurückerwartet.